Das Haus im See

„Halten Sie sich vom östlichen Ufer des Gorreg fern. Dort geht es nicht geheuer zu! Vier Menschen sind da in den letzten zehn Jahren verschwunden … Spurlos verschwunden!“
Das Abendessen stand noch nicht auf dem Tisch, da bereute Alex Levander schon, in dem Lokal eingekehrt zu sein. Jede abgelegene Provinz Deutschlands hat ihre Schauergeschichte, und oft genug bekamen leichtgläubige Auswärtige sie mit dem Essen serviert, ob sie wollten oder nicht. Jetzt, eine Stunde später, lagen Schnitzel und Pommes schwer in seinem Magen, und Alex war froh, dem alten redseligen Tattergreis entkommen zu sein.
Den eiligen Auftrag hatte er unterwegs durch den Schwarzwald auf sein Smart-Phone bekommen. Für einen kurzen Buchtrailer verlangte der Kunde Nachtaufnahmen eines bewaldeten Seeufers. Eine ganz besondere Atmosphäre sollte durch die Bilder vermittelt werden; düster, bedrohlich, leblos, kalt. Kein künstliches Licht, kein Mondlicht, sondern nahezu perfekte Dunkelheit, vor der sich aber Wald und Wasser schwarz abheben sollten. Wälder und Seeufer gab es viele, aber absolute Dunkelheit kaum noch. Gruselfilme und Romane stilisierten die Dunkelheit zum gefährlichen Feind des Menschen, in Wirklichkeit aber hatte dieser so genannte Feind längst aufgegeben, hatte zuviel Boden verloren und sich in die hinterletzten Winkel zurückgezogen. Einen solchen Winkel hatte Alex mittels einer altmodischen Landkarte, etwas Glück, und ja, auch mit der Hilfe des Tattergreises ausfindig gemacht. Die Location musste stimmen, dann war der Rest Routine. Mit Ausdauer und der richtigen Belichtungszeit würde er die gewünschten Fotos hinbekommen.
Aber bereits nach zehn Minuten auf dem schmalen Pfad durch den mitternächtlichen Wald, hallten die Worte des Gastwirts erneut durch seinem Kopf. Hatte Alex sich vorhin noch über das unheilvoll angefügte Spurlos verschwunden amüsiert, so war ihm jetzt nicht mehr nach Lachen zumute. Er trug eine leistungsstarke Taschenlampe und hatte ein Jagdmesser dabei, trotzdem fühlte er sich … ja, wie fühlte er sich?
Ausgeliefert!
Das traf es ziemlich genau. Wem oder was, war ihm nicht ganz klar, aber immer öfter ließ er den Lichtkegel der Taschenlampe von Baum zu Busch zu Baum zucken, weil er meinte, etwas gehört, gesehen oder gespürt zu haben. Jedes Mal fuhr er zusammen. Bisher hatte Alex nicht gewusst, dass sich die menschliche Kopfhaut derart zusammenziehen konnte. Bisher hatte er diese Art existentieller Angst aber auch noch nicht kennen gelernt.
Natürlich sprang ihn nichts aus der Dunkelheit heraus an, keine scharfen Krallen rissen ihm die Bauchdecke auf, keine Fangzähne gruben sich in seine Kehle. Es war alles nur eine Kopfsache, evolutionär geprägtes Denken und Fühlen, nichts weiter.
Verfluchter alte Mann! Hätte er doch besser geschwiegen!
Am späten Nachmittag, bei verblassendem Tageslicht, war dies ein wildromantischer Weg durch dichten Laubwald. Jetzt war es eine schwarze, klaustrophobisch enge Röhre. Der Gorregsee lag fernab künstlicher Lichtemission, ganz so, wie Alex es für die Bilder brauchte, und ein solches Setting war ohne Einsamkeit nicht zu haben.
Nach einer halben Stunde Marsch öffnete sich der Wald zum See hin. Alex war erleichtert, endlich konnte er wieder durchatmen. Die Schwärze zwischen den Bäumen war wie ein Pesthauch gewesen. Auch am See herrschte Finsternis, aber durch die Weite und den Blick nach oben empfand er sie längst nicht mehr so bedrückend.
Seine Arme schmerzten. Stativ und Zubehörtasche waren während des langen Marsches zunehmend schwerer geworden. Er ließ beides in das hohe Gras sinken und sah sich um.
Hier draußen gab es nichts. Nur Wald und See. Der ideale Ort für sein …
Ein heftiges Krachen am Waldrand ließ ihn herumfahren! Sofort raste sein Herz, Adrenalin schoss ins Blut. Wegrennen!, schrie eine Stimme in seinem Inneren, aber Alex blieb stehen. So weit würde diese kindische Angst ihn nicht bringen. Er starrte in die Dunkelheit. Nichts zu sehen! Herzschlag und Puls beruhigten sich. Er stieß ein trockenes Lachen aus. Was war er doch für ein Hosenscheißer!
Die gewohnten Handgriffe beim Aufbauen des Stativs und dem Aufsetzen der Nikon beruhigten ihn zusätzlich. Er ließ das Objektiv in den Bajonettverschluss einrasten und brachte das Stativ in die richtige Position. Ein Stunde und etliche Stellungswechsel später hatte er sechzig Aufnahmen des Waldrandes auf der Speicherkarte. Die Arbeit hatte ihn wie immer gefesselt und völlig in Anspruch genommen, sodass er seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hatte. Jetzt, nach getaner Arbeit, atmete er tief durch, zündete sich eine Zigarette an und wandte sich dem See zu. Er war dem Ufergürtel ziemlich nah gekommen, konnte sogar das leise Plätschern des vom Wind aufgewühlten Wassers hören.
Aber was war das? Dort halb rechts auf dem Wasser?
Alex Levander kniff die Augen zusammen. War das ein … tatsächlich!
Ein Haus im See!
Ein großes, viereckiges Holzhaus mit niedrigem Schindeldach, das auf Stelzen gut zwei Meter über dem Wasser schwebte. Es war schwarz, wuchtig und massiv, wirkte gleichzeitig aber auch surreal, hockte auf seinen Pfählen wie ein zum Absprung bereites Raubtier. Die dunkel gähnenden Löcher der beiden vorderen Fenster waren kalte, schwarze Augen. Alex meinte, die Anwesenheit dieses Hauses körperlich spüren zu können, so wie man einen Menschen im Nacken spürte, kurz bevor er sich bemerkbar machte. War es vorhin auch schon da gewesen, und hatte er es in der absoluten Dunkelheit nur nicht wahrgenommen?
Die alte kindische Angst kehrte unmittelbar zurück, gleichzeitig war er von dem Anblick dieses prähistorischen Monstrums aber auch gefesselt und wusste sofort, dass er es fotografieren musste. Nicht wollte, nein, musste! Bilder mit einer solchen Atmosphäre gelangen einem nicht alle Tage, und irgendwann würde er sie ganz sicher nutzen können. Verschwende nie ein Motiv, war seine Devise.
Alex rauchte die Zigarette schnell zu Ende, schnippte den Filter in den See, schnappte sich Stativ und Tasche und ging auf das Haus zu. Es schien mit jedem Schritt überproportional anzuwachsen, wurde gewaltig, sodass er sich plötzlich nicht mehr näher heran traute. Er blieb stehen und wunderte sich über den Atemhauch vor seinem Gesicht. War es hier vorn am Wasser kühler?
Nur wenige Schritte von dem hölzernen Steg entfernt, der circa acht Meter übers Wasser zum Haus hinüber führte, stellte er sein Stativ ab. Um ein stimmungsvolles und trotzdem detailreiches Bild schießen zu können, würde eine extrem lange Belichtungszeit notwendig sein. Alex schätzte, dass seine hochmoderne Nikon nicht unter sechzig Sekunden benötigte, um eine ausreichende Menge Restlicht einzufangen.
Er stellte die Kamera ein, drückte auf den Auslöser und wartete.
Nach zwanzig Sekunden schoss die Kamera ein Bild.
Verwundert legte er die Stirn in Falten, beugte sich hinunter und warf einen Blick aufs Display. Was war das denn?! Woher hatte die Kamera in der kurzen Zeit so viel Licht bekommen?
Alex betrachtete die Aufnahme genauer.
Es sah so aus, als würde aus der Tür …
Er sah zum Haus hinüber, dann auf das Display, wieder zum Haus und zurück zur Kamera -
und verstand nicht, was er sah.
Das Haus im See war absolut dunkel. Da war kein Licht. Vor einem schwarzen Hintergrund war es ein noch schwärzerer Klotz. Aber das Kameradisplay zeigte ihm etwas anderes. Dort fiel Licht durch die Ritzen der Holztür, sodass sie von innen heraus zu glimmen schien.
Alex Levander schüttelte den Kopf, blinzelte ein paar Mal, dann stellte er die Kamera erneut ein und schoss ein weiteres Bild. Wieder klappte der Spiegel der Nikon nach bereits zwanzig Sekunden herunter, wieder war auf dem Display ein gut belichtetes Bild des schwebenden Hauses zu sehen. Das Licht reichte sogar aus, um auf der unruhigen Wasseroberfläche einen matten Schimmer zu hinterlassen.
Unmöglich!
Alex ging von der Kamera weg auf den Holzsteg zu.
Er begriff einfach nicht, was vor sich ging. Die Kamera konnte kein Licht einfangen, das nicht vorhanden war. Das war technisch einfach nicht möglich. Sie konnte zwar fürs menschliche Auge unsichtbares Restlicht einfangen, aber was nach dem Display zu urteilen zwischen den Türbrettern heraus quoll, hätte er mit bloßem Auge erkennen müssen.
Ihn fröstelte. Vom See her fuhr ihm ein kalter Wind in die Glieder, wie er ihn vorher nicht verspürt hatte. Er zog die Schultern zusammen und stellte den Kragen der Jacke höher.
Die Kamera sah Licht, seine Augen nicht. Das war schlichtweg unmöglich, und er würde diesem Mysterium auf den Grund gehen. Alex ging zurück und stellte die Automatik der Kamera so ein, dass sie im Abstand von dreißig Sekunden jeweils ein Bild schießen würde. Dann nahm er die Taschenlampe aus der Zubehörtasche, schaltete sie ein und ging wieder zum Steg. Er leuchtete die Bohlen ab. Sie waren feucht und rutschig, und an manchen Stellen auch modrig, wirkten aber, als würden sie ihn halten. Er riskierte es. Betrat vorsichtig die erste, dann die zweite. Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest, mit der anderen leuchtete er den Weg aus. Schließlich stand er unmittelbar vor der massiven Holztür. Dort schaltete er die Taschenlampe aus, ließ seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Auch aus zehn Zentimeter Entfernung konnte er kein Licht aus den Ritzen quellen sehen. Er hielt die Luft an und lauschte. Hinter sich hörte er die Nikon in gleichmäßigem Rhythmus Bilder schießen.
Eine schmale, überdachte Veranda führte an der Vorderseite des Hauses entlang. Alex ging nach rechts, bis er das Fenster erreichte. Das Glas darin war eingeworfen, Splitterzacken hingen in dem morschen Rahmen. Von innen war eine Holzplatte vorgenagelt. Merkwürdig! Vorhin hatte er den Eindruck gehabt, die beiden Fenster wären tiefe schwarze Löcher. Zurück vor der massiven Tür verharrte Alex unschlüssig. Er war sich nicht sicher, ob er hineingehen sollte. Er wusste, er würde dieses Geheimnis nur lüften, wenn er es tat, aber da gab es eine Sperre in seinem Inneren, die ihn davon abhalten wollte. Kleinkinderangst vor dunklen Räumen, Kellern, Wäldern oder Schränken, nichts anderes. Genau die gleiche Angst, die ihn schon auf dem Marsch durch den Wald hierher so zu schaffen gemacht hatte. Die warnenden Worte des Greises fielen ihm wieder ein.
… spurlos verschwunden …
Wollte er sich davon aufhalten lassen?
Jetzt, in diesem Augenblick, allein vor dem gruseligen Bootshaus, tendierte er zu einem Ja. Aber Alex wusste auch, dass er sich später, in der Wärme und Heimeligkeit seines Wohnzimmer, wenn er die Bilder betrachtete, dafür verachten würde.
Er streckte die Hand aus, legte sie auf die Klinke, wünschte sich, sie möge verriegelt sein, doch sie war es nicht. Die Tür schwang leise quietschend nach innen. Alex hielt die Taschenlampe auf Kopfhöhe und leuchtete ins Haus. Dann trat er ein. Hinter ihm knipste die Nikon fleißig weiter.
Am nächsten Morgen stand ein übergewichtiger Mann mit Angelausrüstung staunend vor einem Stativ, auf dem eine teuer aussehende Kamera montiert war. Im vom Regen feuchten Gras stand eine große schwarze Fototasche. Die Kamera war auf das alte Bootshaus ausgerichtet. Der Angler blickte hinüber. Er kannte die Geschichten, die sich um das Seehaus rankten, wusste auch von den verschwundenen Leuten. Er glaubte nicht an so etwas, an einen Unfall aber schon, deshalb rief er die Polizei.
Taucher suchten den See ab, Beamte in Uniform das Ufer, Hunde den Wald, ein frustrierter Kommissar das aufgegebene Bootshaus. Den ganzen Tag suchten sie, fanden aber den Besitzer der Kamera, laut der Plastikkarte in der Fototasche Alex Levander, von Beruf Fotograf, nicht. Der starke Regen am frühen Morgen hatte die Kamera zerstört, sodass die Bilder auf dem Speicherchip nicht mehr abrufbar waren. Alex Levander blieb verschwunden. Wie die anderen vor ihm auch. Der sechzig Meter tiefe See gab sie nicht mehr her.
Großer Gott! Er hatte der Tür doch nur kurz den Rücken gekehrt. Wieso konnte er sie nicht wiederfinden?
Das war schlichtweg unmöglich!
Alex Levander ließ seine Taschenlampe hektisch durch den großen schwarzen Raum zucken, der absolut leer war. Er schrie sich in Panik die Seele aus dem Leib, suchte nach einem Ausweg, polterte und hämmerte verzweifelt gegen die Wände aus Holz, entkam dem Haus im See aber nicht.
Vier Jahre später:
Nach längerem Suchen fanden Yvonne und Hauke einen total romantischen und einsamen Platz am Ufer in der Nähe des alten Bootshauses.
„Da drinnen soll es spuken!“, sagte Hauke mit verschwörerischer Stimme. „Deshalb kommt hier niemand her.“
„Umso besser für uns“, sagte Yvonne und blickte ihn aufreizend an.
Sie breiteten ihre Decke aus, ließen Musik vom iPod laufen, zogen sich langsam gegenseitig aus und liebten sich. Danach lagen sie nebeneinander und schauten zum klaren, nächtlichen Sternenhimmel hinauf.
„Ich möchte dich fotografieren“, sagte Hauke nach einer Weile.
„Jetzt?“, fragte Yvonne überrascht.
„Ja, jetzt … und so wie du bist.“
Yvonne ließ sich nicht lange bitten. Sie stand auf, sprang im Gras herum und posierte lachend mit dem See und dem unheimlichen schwimmenden Haus im Hintergrund. Hauke knipste mit seiner Digicam einfach drauf los. Später lagen sie bäuchlings auf der Decke und sahen sich die Fotos an.
„Sieh mal“, rief Yvonne erstaunt. „Da scheint doch Licht durch die Tür. Als würde drinnen jemand mit einer Taschenlampe leuchten!“
„Tatsächlich!“ Hauke richtete sich auf. „Komm, das sehen wir uns näher an.“
(©) by Andreas Winkelmann