Schneegeflüster

Kara Seeberg parkte ihren Wagen auf dem Parkstreifen direkt vorm Eingang des Krankenhauses. Der eiskalte Wind ließ sie erschauern. Sie schlug den Kragen ihres Wollmantels hoch und eilte unter schwerem, grauen Himmel die Stufen zum Eingang hinauf. Im Zimmer ihrer Mutter war es bis auf die Geräusche der lebenserhaltenden Gerätschaften still. Vor dem Fenster flackerte der Schein einer roten Kerze. Es roch wie immer: septisch, klinisch, Angst einflößend. Das Kopfteil des Bettes war hoch gestellt. Mutter saß aufrecht und sah sie an. Ihr Blick hatte etwas Gehetztes.
“Setz dich, mein Kind, setz dich. Ich muss dir etwas erzählen … der richtige Zeitpunkt ist gekommen, ich fühle es. Also setz dich bitte, hör zu und unterbrich mich nicht. Mein altes Herz ist störrisch heute, ich werde es nur ein einziges Mal erzählen können. Also nimm dir den Stuhl und mach es dir bequem. Es wird eine Weile dauern.”
Kara schob den Stuhl ans Bett, auf dem sie seit einer Woche jeden Tag ein paar Stunden verbrachte, hängte ihren Mantel über die Lehne und machte es sich bequem. Ihre Mutter sah durch das Fenster zum Schnee verheißenden, grauen Himmel hinaus. Das Licht der Kerze spiegelte auf ihren feuchten Augen. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen, und es dauerte eine Weile, ehe sie sie gefunden hatte.
“Am Ende seines Lebens hat man immer noch die Erinnerungen. Man hat vielleicht seine Haare eingebüßt, das eine oder andere Organ verloren, und, wenn es einem beschieden ist, so alt zu werden wie ich, seine Freunde und den geliebten Partner verloren. Aber die Erinnerungen, die bleiben. Nicht alle, dass ist wahr. Aber die, von der ich dir erzählen möchte, ist in all den Jahren kein bisschen verblasst. Wie sollte sie auch!?
1935 war ein harter Winter. Früher war eigentlich jeder Winter hart. Monatelang Frost, sibirische Temperaturen, und Schnee, so viel, dass man schon Ende Dezember die Nase voll hatte. Mitunter gab es Schneehöhen, wie du sie in deinem Leben noch nicht gesehen hast, und wenn es besonders Dicke kam, musste dein Großvater auf das Dach vom Schuppen steigen und es frei räumen, weil es sonst eingebrochen wäre. Ich könnte dir stundenlang von unseren Wintern erzählen, aber ich muss aufpassen, nicht zu sehr abzuschweifen.
Na ja, jedenfalls ging in jenem Winter, kurz nach Nikolaus, kein Kind mehr in die Schule. Ganz einfach, weil der Bus nicht mehr zu uns raus kam. Schnee, Schnee, Schnee, soweit das Auge reichte. Und das war damals sehr weit. Unser Haus war das letzte in der Strasse, danach kamen nur noch Wiesen und Wälder. Und die hatten sich durch den eisigen Kameraden in eine verwunschen wirkende Landschaft verwandelt. Nach dem Frühstück hatte es wieder zu schneien begonnen. Aus einem Himmel, ähnlich wie heute, in dem so viel Grau versammelt war, dass es in der restlichen Welt einfach fehlen musste. Imposante Flocken, weich und dick, getrieben von böigem Wind, der die trockene weiße Last zu wahren Barrieren auftürmte. Wiederum auf anderen Barrieren freilich, die bereits in den vergangenen Tagen entstanden waren. Selbst hinter dem Fenster konnte ich die verfrorene Stille spüren, die mit jeder weiteren Flocke dichter wurde. Auch wenn ich lieber in der warmen Stube geblieben wäre, ich musste raus. Solange die Schule geschlossen war, gehörte es zu meinen Pflichten, den Hof so gut es ging schneefrei zu halten. Von dieser lästigen Aufgabe hatte ich schon Schwielen an den Händen, und als ich mit zusammen gekniffenen Augen in die wirbelnde, weiße Wand starrte, wusste ich, dass sie noch dicker werden würden. Alles Hoffen auf ein baldiges Ende des Schneefalls half nicht – ich musste mit der Arbeit beginnen, solange es noch halbwegs leicht ging. Bevor ich das Haus verließ, stopfte ich ein paar dicke Holzscheite in den Kachelofen. In einer halben Stunde – so malte ich mir aus – wenn ich verfroren wieder herein kommen würde, müssten sie die Küche ordentlich aufgeheizt haben. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass ein halber Tag vergehen würde, ehe ich wieder Wärme spüren durfte.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet, drängte sich der Wintersturm mit Macht ins Haus. Dick eingepackt stapfte ich durch die Schneewehe vor der Tür zum Schuppen hinüber. Wegen des eisigen Windes hielt ich den Kopf gesenkt, und mir fielen die frischen Spuren auf. Hundespuren! Albert war in der Nähe. Albert, der Bernhardiner unserer Nachbarn. Wir waren gute Freunde, er lungerte dauernd bei uns herum, weil ich ihm immer die Reste vor die Tür stellte. Nach jenem Tag aber waren wir unzertrennlich, und als er vier Jahre später starb – alt und krank wie ich jetzt – war das ein harter Schlag.
Mit dem Schieber bewaffnet machte ich mich von der Hautür beginnend ans Werk. Der Schnee war trocken, es ging ganz gut, trotzdem kam es mir so vor, als verstärke sich der Sturm mit jeder Schippe, die ich zur Seite warf. Bald war ich in die Arbeit vertieft – in Träumereien verfallen, wie mein Vater gesagt hätte. Die Leute, die damals nach einer Erklärung suchten, meinten, der Schneefall hätte mich irgendwie hypnotisiert. Mag sein, doch davon weiß ich nichts. Aber ich weiß noch, dass er mich in seinen Bann zog, denn das tat er immer. Ich weiß, es hört sich verrückt an, aber Schnee macht etwas mit mir. Er verändert mich, auch heute noch. Ich hab keinen blassen Schimmer, wie ich es dir erklären soll. Es liegt, glaube ich, an seinem Flüstern. Dieses Wispern und Raunen, wenn die Flocken sacht zu Boden fallen.
Irgendwann, ich war schon beinahe am Gartenzaun angelangt, hörte ich die Stimme. Ich erinnere mich genau. Es war, als riefe jemand aus sehr weiter Entfernung nach mir. Allein das ist ja schon unmöglich. Versuch es mal, mein Kind, stell dich in dichtem Schneegestöber auf ein Feld und lausche. Du wirst nichts hören. Der Schnee verschlingt alle Geräusche und bringt sein eigenes Lied mit. Wenn man allein ist, kommt man sich vor wie in einer anderen Welt, zumindest hab ich es stets so empfunden. Und wer weiß, vielleicht ist es ja wirklich so!?
Unmöglich oder nicht, ich weiß, dass ich etwas hörte. Bis zum heutigen Tag hat mir das niemand ausreden können … und es haben weiß Gott viele versucht. Jemand in Not brauchte Hilfe, meine Hilfe! Ich ließ die Schneeschippe einfach fallen und stapfte los. In westlicher Richtung, wo sich die Felder hügelig bis zum weitläufigen Wald erstreckten, nur unterbrochen von schmalen, zugeschneiten Bächen. Draußen auf den Feldern war der Sturm noch stärker. Manch heftige Böe warf mir eine solche Ladung Schnee ins Gesicht, dass ich die Augen schließen und den Atem anhalten musste. Weit konnte ich in den ersten zehn Minuten nicht gekommen sein, doch es reichte, um die Orientierung zu verlieren. Ich wusste, es war gefährlich was ich tat, doch das war mir egal. Mich interessierte nur diese Stimme. Und ich hörte sie tatsächlich! Trotz des heulenden, tosenden Sturms, trotz des flüsternden Schnees – diese Stimme drang in meine Ohren, als hätte sie sich einen Weg durch das Unwetter geschnitten. Also lief ich weiter in die Richtung, aus der ich die Stimme zu hören meinte.
Über ein ansteigendes, knietief verschneites Feld ging es zum Waldrand hinauf. Erst als ich nur noch wenige Schritte davon entfernt war, konnte ich die Umrisse des Waldes sehen. Die schwarze Front der Kiefernstämme tauchte aus dem weißen Einerlei auf, wie der fliegende Holländer aus dem Nebel. Ich folgte dem Waldrand, ließ ihn dann links liegen und marschierte wieder über freies Feld. Wie lange war ich unterwegs, als ich die Kuppe des Hügels erreichte? Eine halbe Stunde? Eine Stunde? In einem Schneesturm verliert sich die Zeit. Meine Nase und Wangen waren taub, ebenso meine Finger, und meine Zehen schmerzten seit ein paar Minuten nicht mehr. Auf all das achtete ich kaum. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, die Stimme nicht aus den Ohren zu verlieren. Aus den Ohren zu verlieren … Das das gar nicht möglich war, wusste ich damals ja nicht.
Von der Kuppe lief ich ein abschüssiges Feld hinab. Stolperte eigentlich mehr, als das ich lief. Mehrere Male versackte ich so tief im Schnee, dass ich das Gleichgewicht verlor und mit der Nase voran hinfiel. Weich aufgefangen zwar, aber es raubte mir trotzdem die Kraft. Als ich die Talsenke erreichte, keuchte ich, schwitzte und fror gleichzeitig. Und dann sah ich ihn. Den kleinen Jungen.
Später erfuhr ich, dass er mit einem Freund zum Hügel gegangen war um Schlitten zu fahren. Auf dem Weg dorthin hatten sie sich gestritten, und der Freund war beleidigt umgekehrt. Der Stolz des Jungen, Elia hieß er übrigens, ließ es wohl nicht zu, ihm zu folgen. Also rodelte er allein. Allein im beginnenden Schneesturm, weitab der Ortschaft. In der Talsenke verlief ein Graben; nicht sehr tief und ohne Wasser, aber allerlei Bruchholz und Weidestämme lagen darin. Elia rodelte zu weit, rutschte in den verschneiten, kaum sichtbaren Graben und sein Fuß verfing sich zwischen dem Holz. Als ich ihn erreichte, war er ohne Bewußtsein. Verstehst du? Der Kleine steckte schon so lange in der Falle, dass ihm später drei abgefrorene Zehen amputiert werden mussten, und die allermeiste Zeit hatte er um Hilfe geschrien. Aber als ich neben ihn in den tiefen Schnee sank, waren seine Augen und sein Mund geschlossen und sein Gesicht zugeschneit. Er hatte schon eine ganze Weile nicht mehr geschrien. Ich zog meine Handschuhe aus und steckte meine klammen Finger unter die Achseln. Normalerweise ist das ein recht warmer Ort, selbst in schlechten Zeiten, aber meine Finger wollten einfach nicht warm werden. Ich rüttelte an dem Jungen, sprach ihn an, doch er reagierte nicht. Es kam mir nicht in den Sinn, dass er tot sein könnte, dass ich zu spät gekommen war – ich wusste einfach, dass dem nicht so war. Also legte ich mich auf den Bauch, robbte an den Rand des Grabens und beugte mich so tief hinein, wie es mir möglich war, ohne im Schnee zu ertrinken. Meinen rechten Arm drehte und verrenkte ich durch das Holz bis zum Fuß des Jungen. Ich konnte fühlen, wie er zwischen zwei Balken steckte. Das er gebrochen und angeschwollen war, und deshalb nicht raus ging, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich wollte den Knöchel umklammern und daran ziehen, doch meine eiskalten Finger spielten nicht mit. Es ging einfach nicht. Ich konnte seinen Fuß nicht befreien. Und während ich es trotzdem versuchte, drang die Kälte durch meine dicke Kleidung als wäre ich nackt. Der heftige Wind auf dem freien Feld sog mir das letzte Quentchen Wärme aus dem Körper. Meine Finger waren unbrauchbare, steife Knochen. Ich war verzweifelt, heulte, wollte schon zurück laufen und Hilfe holen. Dann wäre der Junge erfroren. Die Ärzte verrieten meinem Vater später, dass Elia nicht eine halbe Stunde länger ausgehalten hätte. Trotzdem war ich nicht seine Rettung.
Ja, du hörst ganz richtig: Ich war nicht seine Rettung, obwohl ich später als Heldin gefeiert wurde. Elias Rettung kam auf vier Pfoten. Ich hörte kein Geräusch. Plötzlich tauchte er aus dem Schneegestöber auf. Albert! Ich erschrak natürlich, aber nur kurz. Albert stupste mich mit seiner Schnauze an und ließ ein freudiges Winseln hören.
Und er dampfte! Ja, wirklich, er dampfte! Er war meiner Spur durch den Schnee gefolgt und hatte sich dabei mächtig angestrengt. Ich ließ ihn sich über meine Beine legen und steckte meine Hände unter seinen Bauch. Die Wärme, die von seinem großen, pelzigen Körper ausging, war eines der schönsten Gefühle, die ich jemals gespürt habe. Obwohl es weh tat. Oh ja, es tat verflucht weh. Nichts kommt diesem Schmerz gleich, der dem Kribbeln vorausgeht, wenn klamme Finger langsam auftauen. Die alte Kraft kehrte mit der Wärme zurück. Ich legte mich erneut auf dem Bauch und streckte meine Arme zwischen die Holzbalken im Graben. Abermals fand ich das eingeklemmte Fußgelenk des Jungen, und diesmal hatte ich genug Kraft in den Fingern, um ihn zu befreien. Er erwachte, als ich seinen gebrochenen Fuß zwischen den Balken hervor zerrte, gab aber nicht mehr als ein Stöhnen von sich, ehe er wieder in Trance fiel. Albert scharwenzelte um mich herum, während ich Elia vom Graben weg zog und auf seinen Schlitten legte. Vorn befand sich ein dickes Tau – ich packt es und los ging’s.
An den Rückweg zu unserem Haus kann ich mich kaum noch erinnern. Das ich mich in dem dichten Schneegestöber nicht verlief, hatte ich wiederum Albert zu verdanken. Ich fand meine eigenen Spuren nicht wieder und verließ mich einfach darauf, dass der Hund den Weg finden würde. Das tat er auch. Drei Stunden, nachdem ich von Zuhaus aufgebrochen war, um einer Stimme zu folgen, die nur in meinem Kopf existierte, kehrte ich auf unseren Hof zurück. Das halbe Dorf war bereits dort versammelt. Elia überlebte, aber sie amputierten ihm drei Zehen. Eine harte Strafe für einen Jungen, der nur Schlitten fahren wollte, nicht wahr?
Tja, das ist die Geschichte. Nicht besonders eindrucksvoll, oder? Natürlich könnte ich an dieser Stelle weitermachen und berichten, wer mir alles gratulierte, wie ich in der Zeitung als mutige Heldin gefeiert wurde, und wie die Leute versuchten, eine Erklärung zu finden, die logisch klang. Natürlich fanden sie keine, und ich ließ sie glauben, was sie wollten. Ich wusste ja, wie ich den Jungen gefunden hatte, dass allein zählte. Eines aber weiß ich bis heute nicht. Warum?
Viele schlaflose Nächte habe ich darüber nachgedacht, warum gerade ich den kleinen Elia retten durfte. Warum er überhaupt gerettet wurde. Ich habe ihn zwar aus den Augen verloren, als wir aus dem Dorf weg zogen, aber soweit ich weiß, hat er später nicht die Welt gerettet oder so was. Warum also? Gibt es einen Grund, einen tieferen Sinn? Hat es das Schicksal so gewollt oder war alles nur Zufall? Ich habe nie eine Antwort bekommen. Tief in mir weiß ich aber, dass es eine geben muss. Genauso wie ich weiß, dass ich mir die Stimme damals nicht eingebildet habe. Ich habe sie nur dieses eine Mal in meinen Leben gehört. Nur dieses eine Mal … und jetzt ist meine Zeit fast abgelaufen und ich weiß immer noch nicht, warum. Siebzig Jahre ist es her, und noch immer kann ich den Schnee flüstern hören …
Sieh mal, sieh hinaus, es schneit. Schnee im Dezember ist heutzutage ungewöhnlich … vielleicht will er mich verabschieden!”
Kara Seeberg sah zum Fenster. Es schneite tatsächlich. Außerdem war die Kerze herunter gebrannt und lag in den letzten Zügen. Wie gebannt hatte sie der Geschichte ihrer Mutter gelauscht. Wieviel Zeit war dabei vergangen? Sie wusste es nicht. Aber Zeit sollte in einem Sterbezimmer auch keine Rolle spielen.
“Ich bin müde”, sagte ihre Mutter. “Ich werde ein bisschen schlafen.” Kara erhob sich aus dem Stuhl, gab ihr einen sachten Kuss auf die Wange, und versprach, morgen wiederzukommen. Dabei spürte sie die tiefe Traurigkeit, die ihre Mutter umgab. Sie war nicht traurig weil sie starb, sondern weil das größte Rätsel ihres Lebens ungelöst bleiben sollte. Als Kara das Zimmer verließ, nahm sie diese Traurigkeit mit.
In schwere Gedanken vertieft schritt sie durch das Foyer des Krankenhauses. Sie bemerkte den alten Mann nicht, der ihr aufgeregt und verwirrt entgegen kam. Auf den Schultern seines Mantels und auf seinem Hut glitzerten tauende Schneeflocken. Er stütze sich schwer auf einen Gehstock. Sie wollte an ihm vorüber gehen, doch er stand ihr im Weg und starrte sie an.
“Kennen wir uns?”, fragte sie. “Frau Glauber?” Seine Auge waren weit aufgerissen, er wirkte desorientiert. “Nein, mein Name ist Seeberg. Kann ich ihnen helfen? Geht es ihnen nicht gut?” “Ich … ich dachte … aber nein, wie dumm von mir. Entschuldigen Sie bitte.”
Bevor Kara noch etwas sagen konnte, humpelte der alte Mann auf die Information zu. Sie sah ihm einen Moment nach, schüttelte dann den Kopf und verließ das Krankenhaus. Aber als sie die Stufen zur Strasse hinunter gehen wollte, blieb sie abrupt stehen und drehte sich um. Schneeflocken umwirbelten ihren Kopf.
“Glauber …”, murmelte sie und erfasste im nächsten Moment, warum der Name ihr bekannt vorkam. Ihre Mutter war zweimal verheiratet gewesen. Ihren ersten Mann hatte sie nicht lange nach der Hochzeit an den Krieg verloren. Ihr zweiter Mann, Karas Vater, war vor vier Jahren an Darmkrebs gestorben. Von ihm stammte der Name Seeberg. Nach ihrer ersten Ehe hatte ihre Mutter Michaelis geheißen. Aber da war noch ein Name, den Kara tief in ihrem Gedächtnis wiederfand. Glauber. Der Mädchenname ihrer Mutter. Hilde Glauber. Dieser verwirrte alte Mann! Konnte es sein, dass er …? War das möglich? Er hatte das richtige Alter! Sie wollte die Stufen zur Eingangstür hinauf steigen, als ein dumpfer Schlag und das Splittern von Glas sie herumfahren ließ. Dort unten, auf der vom einsetzenden Schneefall spiegelglatten Strasse, war ein Kleintransporter ins Rutschen gekommen und hatte sich tief in die Fahrertür ihres Wagens gebohrt.
Genau dort hätte Kara gestanden und versucht, den Schlüssel in das zugefrorene Schloss zu stecken, hätte der alte Mann sie nicht aufgehalten. Ihre Beine begannen zu zittern. Sie sackte auf die kalten Treppenstufen und starrte zu ihrem Wagen. Um sie herum flüsterte der Schnee.
(©) by Andreas Winkelmann