Chronist des Todes
Beschäftigen wir uns mit Teil 2 der oben gestellten Frage. Warum schreibe ich, was ich schreibe? Sie haben vielleicht schon bemerkt, dass ich bei dem Thema ein wenig um den heißen Brei herum schleiche, was einzig und allein daran liegt, dass ich mich nur ungern damit beschäftige. Das Thema ängstigt mich ein wenig, denn es führt mir die eigene Sterblichkeit vor Augen. Ihnen natürlich ebenso, aber Sie haben gefragt, jetzt müssen Sie auch bleiben und die Antwort ertragen.
Sie lautet: Ich bezahle meine Rechnung!
Lassen Sie mich erklären.
Ich bin dem Tod einige Male von der Schippe gesprungen – müsste man nicht eigentlich sagen „von der Sense gesprungen?“ – aber egal, darum geht’s ja nicht. Es geht viel mehr um Folgendes: Als ich fünf Jahre alt war, hätte mein Leben bereits enden sollen. Mein älterer Bruder ( zu dem ich keinen Kontakt mehr habe, warum nur? ) und mein Cousin ( zu dem auch nicht ) knüpften den nervigen kleinen Andreas am Seil einer Schaukel in unserem Garten auf und verschwanden. Glasklarer Mordversuch! Meine Mutter rettete mich in letzter Sekunde, angeblich war ich schon blau angelaufen. Ob die beiden Übeltäter eine ordentliche Tracht Prügel bezogen, ist nicht überliefert, aber ich hoffe es.
Nicht viel später testete ich die Bruchfestigkeit unserer Glashaustür. Ich stieß aus vollem Lauf mit ausgestrecktem rechten Arm durch das Glas und schnitt mir, oh Wunder, den Arm vom Ellenbogen bis zum Handgelenk auf, inklusive der Pulsader. Ich erinnere mich, dass ich in das rote, pulsierende Innere meines Armes schauen konnte, aus dem mein Blut heraus quoll. Ist es nicht wunderbar, wie unser Erinnerungsvermögen funktioniert? An das Weihnachtsfest desselben Jahres kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Sei’s drum. Gerettet hat mich mein Vater, der mir den Arm abband und in mörderischem Tempo zum Arzt brachte. Wir lebten damals in einem Nest mit zwanzig Einwohnern. Keine Kneipe, keine Kirche, kein Doktor. Alle Wege waren weit, besonders wenn man gerade verblutete.
Zwei nette Versuche, aber ich kam davon.
Elf Jahre später saß ich als Beifahrer mit drei Mädchen in einem alten Opel Kadett. Auf spiegelglatter Straße baute die Fahrerin, ich meine sie hieß Christiane, Mist, der Wagen geriet ins Schleudern und auf die Gegenfahrbahn. Wir rasten auf einen Bus zu! Ich sehe noch heute die weit aufgerissenen Augen des Busfahrers, der nicht mehr ausweichen konnte. Die Sache war beschlossen, wir sollten alle sterben. Aber ich war noch nicht soweit. Ich griff ins Lenkrad, der Wagen brach aus und flog mit drei kreischenden Mädchen und mir eine zwei Meter tiefe Böschung hinab. Niemand wurde verletzt. Aber die Mädels haben mich den Wagen doch tatsächlich allein vom Acker schieben lassen. An dieser Stelle einen schönen Gruß! Wie geht’s denn so?
1990, während eines Badeurlaubs in Kroatien (damals verlobte ich mich beim Gesang der Zikaden in den Tamarisken und gutem Rotwein in einer Bar oberhalb des Strandes mit meiner jetzigen Frau) sprang ich übermütig ins Meer und stieß mit dem Kopf auf Grund. Ich spürte mein Genick brechen und sah mich tot im warmen, klaren Wasser treiben. Das war eine wirkliche Nahtoderfahrung! Aber ich kam wieder mit dem Schrecken davon. Wäre das Wasser nur einen Zentimeter flacher gewesen ….
Ich begann, mir Gedanken zu machen. Mir wurde langsam klar, dass ich nicht immer wieder so viel Glück haben würde. Niemand hat das. Früher oder später würde der Kamerad der letzten Stunde, Gevatter Tod, triumphieren. Also überlegte ich mir einen Deal, und begann, über den Tod zu schreiben, damit er mich fürs Erste in Ruhe ließ. In bin also sozusagen sein Chronist. Bis jetzt hat das ganz gut geklappt. Aber ich mache mir nichts vor, eines Tages werden wir beide ein abschließendes Date haben. Hoffentlich vergeht noch eine Menge Zeit bis dahin. Zeit, die ich nutzen werde, um Bücher zu schreiben, die Ihnen eine Gänsehaut über den Rücken treiben.