Infektion des Bösen

 

Neulich, an der Tankstelle in unserem Ort, sprach mich unvermittelt jemand an. Kein „Hallo“ oder „Wie geht’s“, sondern „Meine Frau meint, Sie hätten eine ziemlich kranke Fantasie“. Da blieb mir erstmal die Spucke weg, und ich tat so, als hätte ich es nicht richtig verstanden, verschaffte mir damit Zeit für eine geistreiche Antwort, die ich hier nicht wiederholen möchte. Später dachte ich über diesen Vorfall nach, und mir fiel unser Pastor ein, der mich vor einiger Zeit mit ernsthafter Mimik und belegter Stimme fragte, ob denn die Art meiner Erzählungen nicht auf meinen Charakter abfärben würde. Damals zitierte ich Marc Aurel: So wie die Gedanken sind ist auch der Charakter, denn die Seele wird von den Gedanken geprägt. Ich glaube, seitdem bin ich bei unserem Pastor unten durch.

Nun treffe ich immer wieder und immer öfter auf Menschen, dir mir vorwerfen, ich hätte eine kranke Fantasie, oder zumindest argwöhnen, ich müsse doch eine gespaltene Persönlichkeit sein, sozusagen zwischen meinem „normalen“ Ich und dem eines Psychopathen, eines Mörders, eines Geisteskranken hin und her pendeln.

Lassen Sie mich dazu folgendes sagen:

Ja, es stimmt!
In meinem kleinen dunklen Büro, an meinem nur von einer winzigen Lampe unzureichend erhellten Schreibtisch, bin ich all das. Dort bin ich jede Person, die ich in meinen Geschichten zum Leben erwecke, und besonders gern bin ich der Böse. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Wer sind Sie, wenn Sie in eine Geschichte eintauchen? Warum kaufen Sie solche Bücher, immerhin steht ja deutlich drauf, was Sie erwartet? Ja ja, ich weiß, auch Sie beschäftigen sich nicht gern mit dieser Frage, aber um mit Hannibal Lecter zu sprechen: quid pro quo! Sie sind also an der Reihe! Aber ich will es Ihnen leichter machen, deshalb hier die simple Antwort:
Sie sind infiziert!

Es ist doch so! Wir alle schauen hin, trotz der Warnungen. Die Augen huschen hinüber, während wir langsam an der Unfallstelle vorbei rollen. Gibt es eine Leiche zu sehen? Blut? Körperteile? Stürzt jemand aus dem vierten Obergeschoss des brennenden Hauses? Wie sieht ein Mensch aus, dem ein Rottweiler das Gesicht zerfetzt hat? Was kann ich in den Augen eines Mannes entdecken, der sechs Frauen ermordet hat? Daran hat die Menschheit Interesse. Deshalb sind Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und das Fernsehen voll davon. Sind wir deswegen alle böse? Nein! Aber wir wissen, dass wir den Keim in uns tragen, wollen es nur nicht wahrhaben. Die Zivilisation hat die Urtriebe gebändigt, zum Glück. Aber sie sind noch da, irgendwo tief in uns, schlummernd, verstaubt, vergessen. Bei den meisten Menschen bleiben sie auch dort. Einige wenige aber werden davon befallen, und uns Zuschauer erfüllt es mit einer schaurigen Faszination, weil wir ahnen, dass es uns auch hätte erwischen können, dass wir nur haarscharf davon gekommen sind, nur Glück gehabt haben. Infiziert bleiben wir aber trotzdem.

Glücklicherweise gibt es heute genügend Medikamente dagegen. Schreiben ist eines davon. Und es wirkt, ganz fabelhaft sogar! Oder ist Ihnen je zu Ohren gekommen, dass Stephen King jemanden umgebracht hätte? Oder umgekehrt, dass Ted Bundy Schriftsteller gewesen wäre? Oder der Son of Sam, Fritz Haarmann, Jack the Ripper, Albert Fish, Ed Gein, Jürgen Bartsch ….